Aggressionshund - Na und!

Aggressionshund - Na und?

 

Dass Listenhunde Ihren Ruf zu Unrecht tragen ist mittlerweile weit verbreitet und viele Organisationen, Privatleute und Kynologen bestätigen den Irrsinn und setzen sich für diese Hunde ein. 

 

 

Der Aggressionshund ist verteufelt, 

 

wird oft als nicht therapierbar bezeichnet und beendet sein Leben nicht selten wegen seiner Aggressionen auf dem Tierarzttisch. Eingeschläfert und Zeit seines Lebens nicht verstanden. Und doch ist er nicht böse geboren und möchte nicht böse sein.

Er nutzt einen Teil seiner natürlichen Kommunikation. Für uns unangebracht und gefährlich. Für ihn ist es sinnvoll sich so zu verhalten.  Alles was ein Hund macht, tut er um etwas zu erhalten oder etwas zu vermeiden.

 

Für diese Hunde gibt es nur eine ganz kleine Lobby, denn Aggressionen werden oft verheimlicht oder verschleiert. Selten wird sofort Hilfe geholt, wenn ein Hund auffälliges Verhalten zeigt. Es ist peinlich, man hat das Gefühl versagt zu haben, die Leute sprechen hinter dem Rücken betroffener Hundehalter.  Ich möchte hier einen Einblick geben, um eine andere Sicht auf diese Hunde und deren Besitzer  zu ermöglichen.

 


 „Schuld ist immer das andere Ende der Leine“ 

 

wird gerne als allgemein gültige Aussage benutzt und dem Halter nicht nur die Schuld aufgedrückt, er wird damit auch als unfähig  gestempelt einen Hund zu erziehen ( …was ja jedes Kind kann“).

 

Nein,  liebe Beobachter, MitdemFingerZeiger und selbsternannte Hundehobbyexperten.. So einfach ist das nicht. Manch Hundehalter kommt zum Aggressionshund, wie die Jungfrau zum Kinde. Aus Unwissenheit.

 

Sicherlich trifft den Halter die „Schuld“ , dass er meist nicht rechtzeitig Vorzeichen erkannt hat oder sich Hilfe gesucht hat. aber Schuld im Sinne von dem unterstellten Vorsatz, der immer wieder laut heraus geschrien wird,  kann man in dem Fall „Aggressionshund“  meist nicht nur dem Otto Normal Hundehalter zuschreiben.  

 


Warum wird zu spät gehandelt? 

 

Der Hundebesitzer weiß selten um die feinen Kommunikationssignale, die ein Hund sendet. Er weiß meist nicht um die verschiedenen Charaktere und den Umgang mit ihnen. Er hat keine Erfahrung in der Umsetzung der menschlichen Sprache in Körpersprache, in die Hundesprache.

Er lernt nicht beim Züchter, ob und wie er seinen Hund durch schwierige Situationen begleiten soll und welche Situationen überhaupt für einen Hund schwierig sein können.

Tierärzte raten gerne vorschnell zu Kastrationen, die selten den gewünschten Erfolg bringen.

 

Oftmals sind es langjährige Hundehalter, die  gut gemeinte Tipps geben, die im Endeffekt zwangsläufig zu Aggressionsverhalten beim Hund führen. Auch wenn jeder Tipp eine Hilfe sein sollte…

 

 

Oft ist es als Hundehalter besser Empathie zu benutzen und auf sein Bauchgefühl zu hören, als allgemein gültige  Erziehungsmethoden ohne zu hinterfragen zu benutzen. 

 

 

Klassische Aussagen,

 

die  ich immer wieder von betroffenen Hundehaltern höre. Tipps, die Familienmitglieder und andere Hundehalter gaben. Sicherlich guten Willens, aber fatal für die psychische Entwicklung des Hundes sein können:

 

  • „Ich durfte mich nicht einmischen. Es wurde gesagt, die sollen das unter sich ausmachen“ 
  • „Wenn mein Hund sich hinter mir versteckt hat, sollte ich ihn zurück zur Gruppe bringen oder ihn verscheuchen“
  • „Wir sollten ihn immer  auf den Rücken drehen und am Boden fest drücken, wenn er nicht funktionierte,  bis er aufhörte zu strampeln „
  • „Wir haben gelernt, dass der Hund immer links (Aussage wahlweise rechts) laufen muss.“
  • „Wenn  sie knurrte oder sich steif macht, soll ich die Leine ganz straff nehmen und laut „AUS!“ sagen“
  • „Mein Hund liebt mich und ist sehr anhänglich, er läuft mir sogar auf das Klo hinterher“
  • „Ich tu alles für meinen Hund, der darf alles“

 

Die Liste solcher und ähnlicher Aussagen kann ich schier endlos fortsetzen und sie sagt meist bereits viel über die Ursachen des Aggressionsverhaltens aus.

 

 

Die Gründe für Aggressionen 

 

sind ebenso vielfältig:    

  • Unterschreitung des eigenen Sicherheitsraums,
  • fehlende Sozialisierung,
  • erlernte Verhaltensweisen,
  • mangelnde Reize,
  • Grenzlosigkeit in der Erziehung;
  • für den Hund wichtige Besitztümer, an denen es gemangelt hat oder die immer wieder weggenommen wurden;
  • Vertrauensverlust,
  • Kontrollzwang,
  • Konkurrenz,
  • Frustration,
  • Angst,
  • unverstandene Kommunikation,
  • situationsbedingte falsche Toleranz des Halters,
  • Emotionsübertragung, etc….

 

 

Aggressionen können auch körperliche Ursachen (z.B. Krankheit, Schmerz, hormonelle Disharmonien) haben und deshalb sollte immer, bei plötzlich auftretendem Aggressionsverhalten, ein Tierarzt konsultiert werden.

 

 

Aggressionsarten gibt es viele und die meisten sind tatsächlich hausgemacht, aber bisher habe ich keinen Hundehalter getroffen, der wissentlich und mit Absicht seinen Hund „versaut“ hat.

 

 

Die Not des Hundehalters: 

 

Da stehst Du nun vor einem Mann, an die 1,80 m groß, der den Tränen nahe ist, weil er sich mit seinem Hund kaum noch Gassi traut, weil sein Hund Fahrradfahrer attackieren will und nach jedem Hund schnappt.  

Die Nachbarn unterschreiben Petitionen gegen den Schäferhund (eben solche, die sich zuvor mit Tipps zur Erziehung versuchten), Anzeigen laufen und die Frau pocht auf die Abschaffung des Hundes.

 

Diesem Menschen, der alles versucht hat, was in seinem Wissen und Ermessen stand, kann ich keine Schuld zusprechen. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Das ist richtig. Und die Strafe haben er und sein Hund zu Genüge. Sie sind kein Team, können sich nicht aufeinander verlassen und werden gemeinschaftlich gemieden, beschimpft, gehasst und unter Druck gesetzt.

 

Dieser Mann will etwas verändern und stellt sein komplettes Denken und sein bisheriges Handeln für den Hund und sein Umfeld um und erlebt innerhalb kürzester Zeit massive Erfolge mit dem Hund.

 

Und trotzdem bleibt er in den Köpfen der Anderen der komische Typ mit der gefährlichen Töle..  (die kein aggressives Verhalten mehr zeigt).

 

Meinen Respekt hat jeder, der diese Mühen auf sich nimmt und wieder gut macht, was er aus falsch verstandener Erziehung oder falsch verstandener Tierliebe falsch gemacht hat.

 

Ich steh das nicht durch! 

 

Auch die Menschen, die sich eingestehen, dass Sie es nicht schaffen, dass sie das Training nicht bewerkstelligen können, es sich nicht zutrauen und andere Lösungen „pro Hund“ suchen, sollten nicht beschimpft oder abgestempelt werden.

Denn niemandem fällt es leicht ein Familienmitglied abzugeben, damit es eine neue Chance bekommt.

 

 

Die gute Nachricht: 

 

Fast alle Fälle, wo der Mensch den Hund in die Aggression gebracht hat, kann man therapieren, trainieren, neu organisieren.

Wenn der Hundehalter bisher gehörte, vorgebetete und antrainierte Maßnahmen vergessen kann und unter Anleitung lernt im Sinne des Hundes und für den Hund zu handeln.

 

 

Immer berücksichtigt werden muss und wichtig zu wissen: 

 

Ein Hund, der gelernt hat, dass er mit Aggressionen sein Ziel erreicht, wird im Notfall auch auf dieses Erlernte zurückgreifen, wenn die neuen, umgelernten Strategien nicht greifen. 

Allerdings wird auch ein nicht aggressiver Hund seine Strategien verschärfen, wenn seine bisher defensiven, freundlichen Strategien kein Gehör finden.

 

 

Wie lange dauert so ein Training? 

 

Bei manchen Hunden und Haltern ist es ein langer Weg zu neuen Verhaltensmustern, regelrechte Baustellenarbeit und bei anderen genügen einfachste Maßnahmen, um den Hund aus seinem Verhalten zu holen und Hund und Besitzer wieder zu Teams zu vereinen.

Das ist so individuell wie Hund und Halter selbst.

Deshalb sollten keine voreiligen Schlüsse gezogen werden. Manchmal hilft wenig Maßnahme zu großen Ergebnissen.


Es gibt sicher auch Einzelfälle, wo kein Therapie- oder Trainingsweg mehr erkennbar ist. Gott sei Dank ist das ziemlich selten und hoffentlich für keinen der Leser ein relevantes Thema.

 

 

An wen muss ich mich wenden?  

 

Ein guter Hundetrainer, Verhaltensberater, der erfolgreich mit verhaltensauffälligen Hunden arbeitet, findet gemeinsam mit dem Hundebesitzer die Ursachen für das Verhalten heraus und hilft bei der Umsetzung der neuen Maßnahmen. 

 

 

Kann ich das nicht auch alleine bewerkstelligen? 

 

An Aggressionen alleine, ohne Fachwissen zu arbeiten kann im schlimmsten Fall zu einer massiven Verschlimmerung  der Verhaltensweisen führen und kann unter Umständen sehr gefährlich sein.

 

Bitte immer einen Profi zu Rate ziehen. 

 

Hilfe bei der Auswahl des richtigen Trainers kann man vielfältig im Internet finden. Hier sollte auf gewaltfreies Training (Keine Stachelhalsbänder, Würger, Teletakt, Schläge, körperliche Unterwerfung  etc.) geachtet werden.

Oft helfen hier auch Erfahrungen anderer Hundehalter mit den Trainern bei der Entscheidung.

 

 

Meine Motivation: 

 

Die Arbeit mit solchen Problemfällen ist eine zutiefst dankbare Arbeit, denn man kann sich vorstellen, welche Steine vom Herzen fallen, wenn ein Hund das erste Mal seit langem ein neues, nicht aggressives Verhalten in einer Situation zeigt, bei der er vor kurzem noch ausgeflippt wäre.

 

 

 

Aggressionshund – Na und! 

 

Ein provokanter Titel. Er soll nichts verharmlosen, was gefährlich ist,  aber betroffenen Hundehaltern Mut machen. Mut, Beschimpfungen an sich abprallen zu lassen. Mut neue Wege zu gehen und Mut, sich Hilfe zu holen.

Es kann sich wirklich lohnen „Na und!“ zu sagen, wenn man bereit ist an sich und mit seinem Hund zu arbeiten. 

 

 

Stephanie Zänker, Inh. 

 


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